
Der bescheuerte Sittich
Von Jader Andres Hernandez Carrascal · Kolumbien, Montería · Touitpapagei (Brotogeris jugularis)
Sie kam zu Beginn der Pandemie an mein Fenster und begleitete mich mit ihrer Lebhaftigkeit und ihrem Humor zwei Jahre lang.
Ihre Streiche füllten mein Leben mit Freude… Viele Morgen kam sie mit irgendetwas Neuem an und tat so, als wäre nichts, um ihren Willen durchzusetzen.
Sie kletterte auf den Tisch und aß von meinem Teller: Suppe mochte sie nicht — hahaha —, aber Früchte und Reis liebte sie.
Wir erlebten unvergessliche Momente. Ich vergesse nicht, wie sie mich begleitete, als ich krank war, und mir in die Nase und ins Haar zwickte; ich hatte das Gefühl, sie gab mir Kraft weiterzumachen.
Sie war sehr klug: Sie warnte mich, wenn jemand ins Haus kam, und war eifersüchtig auf mich.
Sie war, durch und durch, ein frecher Vogel.
Bäder mochte sie nicht — Wasser machte ihr Angst —, aber sie ließ sich gern am Kopf und am Rücken streicheln.
Einmal jagte sie meinen Bruder, als er mit mir spielte… Ich hatte das Gefühl, sie tat es, um mich zu beschützen.
Sie war gekommen, um mich zu umsorgen und mir in der Pandemie Mut zu machen.
Zwei Jahre lang waren wir gute Freunde…
Bis ich beschloss, ihre Flügel wachsen zu lassen und nicht länger so egoistisch ihr gegenüber zu sein — denn ich wusste, dass sie mit anderen Papageien befreundet war, die nachmittags auf die Terrasse kamen.
Der Tag, an dem sie ging, war schwer. Aber innerlich spürte ich auch Freude, als ich sie in Freiheit mit ihren Freundinnen sah.
Ich habe viel von ihr gelernt: Ich bin toleranter geworden, einfühlsamer und mit viel mehr Verständnis für die Natur.
Manchmal habe ich das Gefühl, sie kommt nachmittags mit ihren Freundinnen und fängt mit ihrem Lärm an… aber die FRECHE lässt sich nicht blicken.
¡Jajajajaja!
Analysen und Reflexionen der Fundación Loros
Wenn ein Vogel durchs Fenster hereinkommt, bringt er mehr mit als Farben und Neugier: Er erinnert uns daran, dass die Freiheit jenseits unserer Routinen noch existiert. Ihm die Federn zu stutzen, um ihn zu halten — auch wenn es aus Zuneigung oder Einsamkeit geschieht —, verwandelt diesen spontanen Besuch in Gefangenschaft. Diese Geste hebt genau das auf, was wir an ihm bewundern: seine Fähigkeit zu fliegen, zu erkunden und zu entscheiden. Und sie sperrt auch uns in den Käfig des Besitzens ein.
Den Vogel frei zu lassen, verändert die Beziehung von Grund auf. Er kann zurückkehren, wann er möchte — und sein Zurückkehren wird zu einem Vertrauensbeweis, nicht zu einer Pflicht. Diese freiwillige Entscheidung lehrt mehr als jedes Leitfaden zum Zusammenleben: Sie zeigt, dass echte Bindungen ohne Gitter bestehen können und dass die Achtung vor dem natürlichen Kreislauf die aufrichtigste Form von Zuneigung ist.
Jedes Mal, wenn ein Papagei, eine Meise oder ein Kolibri den Schnabel hereinstreckt, haben wir die Gelegenheit, eine einfache Ethik zu üben: beobachten, bei Bedarf Wasser oder Obst anbieten — und zurücktreten, damit der Vogel fliegen kann, wann er will. Dabei erinnern wir uns daran, dass Flügel zum Fliegen da sind, und dass auch wir im Grunde Luft, Raum und die Möglichkeit brauchen, unseren eigenen Horizont zu wählen.
