
Lucrecia
Von Alexey Zhúkov · Colombia, Girardot · Gelbscheitelamazone (Amazona ochrocephala)
Ein Monat war vergangen, seit ich mein Zuhause verlassen hatte — oder vielmehr das Zuhause meiner Mutter, wo ich meine lange und mühsame Zeit als Arbeitsloser verbracht hatte. Schließlich durchbrach ein Unternehmen in der Hauptstadt meine Pechsträhne. Es stellte mich als Hausmeister ein und überließ mir ein schönes, gemütliches Haus. Das Gebäude lag in einem kleinen, rauen Vorort und hatte drei Zimmer. Das Unternehmen erlaubte mir, zwei Mitbewohner mitzubringen. Am Ende zog ich allein ein.
Wenige Tage später erbarmte sich meine Mutter meiner Einsamkeit und kam mich besuchen. Ich erklärte ihr, dass das Haus einem bekannten multinationalen Finanzunternehmen gehöre, das seine Eigentumsrechte nach einem langen Rechtsstreit zurückgefordert hatte. Sie brachte mir zwei Geschenke: ein köstliches Zickleinbraten, den ich sofort verschlang, und einen netten Papagei, den sie auf dem Marktplatz gekauft hatte — angeblich, damit ich Gesellschaft hätte.
-Was gebe ich ihm zu essen?
-Schokolade und Brot, mein Junge — antwortete sie, bevor sie ins Taxi stieg.
Ich hängte den Käfig auf dem Hof auf und öffnete die Tür. Der zarte Vogel beobachtete mich mit seinen großen, runden, orangefarbenen Augen. Mit seinem blassen, spitzen Schnabel kletterte er aus dem Käfig und lief über das Kopfsteinpflaster. Der armen Kleinen waren die Flügel gestutzt worden, sie konnte nicht fliegen. Ich nahm den Besenstiel. Sie kletterte fröhlich hinauf, und ich trug sie behutsam zurück in ihren Käfig.
Ihr Gefieder war grün wie die Äste der Guayacanes, die das Haus säumten. Ein großer gelber Fleck schmückte ihren Kopf wie eine Krone. Ich stellte sie mir vor, wie sie einen Amazonasschwarm regierte, auf einem bequemen, kunstvoll gearbeiteten Holzthron, würdig eines Königs. Bald bemerkte ich die schwarze Farbe ihres Schnabels und die roten Federn an ihren Flügeln. Ihre Weiblichkeit war unverkennbar.
Als guter Katholik war ich überzeugt, dass alle Lebewesen getauft werden müssten. Welchen Namen sollte ich der netten Kreatur geben? Ich erinnerte mich an die süße junge Frau mit zimtfarbener Haut und leuchtend honigfarbenen Augen, die ich während meines Universitätspraktikums kennengelernt hatte. Unsere Liebe war schön und vergänglich wie eine Frühlingsblume. Als das Praktikum endete, zog sie in die Hauptstadt, um ein besseres Leben zu suchen, und ich weinte untröstlich über ihre Abwesenheit. Ich beschloss, das Tier nach ihr zu benennen: Lucrecia.
Meine gefiederte Freundin gewöhnte sich ans Haushaltsleben. Lucrecia flatterte still durch die ganze Wohnung. Ich hingegen verbrachte den Tag in mein Zimmer eingeschlossen, das ich als Studierzimmer eingerichtet hatte.
Am späten Nachmittag rief ich meine Mutter an.
„Alexito, mein Schatz", begrüßte sie mich liebevoll.
Lucrecia lauschte dem Telefongespräch aufmerksam.
Meine Gefährtin war zwar sanft und zärtlich, aber außerordentlich schweigsam. Ihre geringe Extraversion begann mich zu beunruhigen. Ich redete mir ein, dass ihre Unfähigkeit, die menschliche Sprache nachzuahmen, auf eine körperliche Einschränkung zurückzuführen sei. Dieses Missgeschick ließ meine Zuneigung zu Lucrecia aufblühen.
Um Mitternacht weckte mich ihr lautes Kreischen. Sofort lief ich auf den Hof und schaltete das Licht ein. Meine Anwesenheit scheuchte den Räuber auf, und er verschwand mit erstaunlicher katzenhafter Behendigkeit im Dunkel. Den Käfig ließ ich nie wieder offen.
An einem bestimmten Tag vergaß ich, ihr ihre Portion Brot mit Schokolade zu geben. Ihr schrilles Kreischen weckte mich im Morgengrauen:
„Alexito, mein Schatz!", ahmte sie die süße, zärtliche Stimme meiner Mutter nach.
Ich lächelte, erleichtert. Ihr düsteres, hartnäckiges Schweigen hatte keine seltsame Krankheit als Ursache. Dann wurde mir bewusst, wie schrecklich und drängend Hunger sein kann.
Ihre Schüchternheit löste sich auf wie Morgennebel.
„Alexito, mein Schatz!", schrie sie um Punkt 6 Uhr morgens, um ihre Ration zu fordern.
Den Wecker brauchte ich nicht mehr. Ihre süßen, zärtlichen Laute ersetzten ihn.
An einem bestimmten Tag überflutete ein heftiger Sturm das Haus. Ich bewaffnete mich mit Eimer und Wischmopp und stürzte mich beherzt in eine erbitterte Schlacht. Im Eifer des Aufräumens stieß ich mir den kleinen Zeh und rief ein Schimpfwort. Den Ausdruck benutzte ich in Momenten des Ärgers und der Frustration, und Lucrecia begann, ihn nachzuahmen. Wie amüsant war es, ihr dabei zuzuhören.
Den Kopf auf dem Kissen, versank ich in langsamen Überlegungen: Was würde aus Lucrecia, meiner Geliebten, werden? Ich redete mir ein, dass sie in der Hauptstadt eine neue Liebe gefunden hatte, und unsere Nachrichten wurden immer kürzer.
„Die Entfernung kühlt alles ab", dachte ich.
Ich fragte mich, ob meine gefiederte Freundin jemals eine Liebe gehabt hatte. Ich stellte sie mir vor, wie sie durch die grünen Äste der Bäume glitt, Früchte und Samen in Gesellschaft ihres Liebsten fraß, und ich empfand Mitleid.
Ich verstand, dass sie von ihrem Lebensraum und der Gesellschaft anderer Papageien fernzuhalten bedeutete, ihr das Glück zu nehmen.
Im dritten Monat waren ihre Schwungfedern nachgewachsen.
„Alexito, mein Schatz!", krächzte sie fröhlich.
Ich lächelte. Und umarmte meine Stille und meine Einsamkeit.
Analysen und Reflexionen der Fundación Loros
Lucrecias Geschichte erinnert uns an die therapeutische Kraft, die ein Vogel als Begleiter haben kann: Ihr morgendliches Kreischen wurde zum zärtlichsten Wecker. In der Einsamkeit des neuen Zuhauses füllte Lucrecia mit ihrem Gesang die Leere seines Lebens und verwandelte seinen gleichförmigen Alltag. Doch das emotionale Band schärfte auch sein Bewusstsein: Er musste anerkennen, dass jener Käfig nicht Lucrecias eigentliches Zuhause war und dass die Gefangenschaft ihrer Natur widerspräche.
Die Entscheidung, sie freizulassen, war ein Liebesakt, der beide aus dem Einschluss befreite — er aus seiner Schwermut, sie aus dem Gitter. Doch diese Freiheit, dem Herzen gefolgt, lehrt eine weitere Lektion: Einen Papagei in die Natur zurückzugeben erfordert mehr als guten Willen. Es braucht Artenkenntnisse, einen Rehabilitationsplan, Habitatmanagement und fachliche Begleitung, damit er seine Überlebensfähigkeiten zurückgewinnt. Die Emotionalität, die Lucrecias Rettung leitete, öffnete die Tür zu verantwortungsvollem Umgang — und heute inspiriert ihre Erinnerung Schutzbemühungen: Freilassen ohne Planung kann sie neuen Gefahren aussetzen. Einen Papagei zu lieben bedeutet vor allem, ihm die Möglichkeit zu geben, sicher zu fliegen.
